Wie aus 6 Stellen ich weiß gar nicht mehr wieviele werden

Die Geschichte entfaltet sich an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn vor meinen Augen wie ein car crash in slow motion. Sie zeigt Probleme auf, die symptomatisch für den gesamten Arbeitsmarkt im deutschen Hochschulwesen sind. Die Schwierigkeiten mit befristeten Stellen, die NachwuchsforscherInnen bewältigen müssen, um am universitären Arbeitsmarkt Fuß fassen zu können, sind hinlänglich bekannt. Die bizarren Anreize der Beteiligten führen zu langsamer Auswertung der Bewerbungen und ausgeschriebene Stellen gehen vorübergehend, aber für lange Zeitdauer, verloren.

Ich will nicht mehr schweigen. Ich habe überlegt, ob ich auf Englisch oder auf Deutsch nicht mehr schweigen soll. Ich habe mich für Deutsch entschieden, damit Entscheidungsträger (auch in der Wissenschaftspolitik) die Probematik als ihre eigene annehmen werden.

Hintergrund und Teilnehmer

Im Mai 2017 schrieb die Universität Bonn drei W2-Professuren und drei Postdocstellen aus. Alle wurden in Zusammenarbeit des Hausdorff Center for Mathematics (HCM) und ImmunoSensation angeboten. Das HCM ist ein Exzellenzcluster, der die vier mathematischen Institute der Universität, das Max-Planck-Institut für Mathematik und den Fachbereich Wirtschaftswissenschaften zusammenschließt. Dagegen ist ImmunoSensation ein Forschungscluster (ein anderer Exzellenzcluster) im Bereich der Immunologie. Die W2-Professuren waren auf 5 Jahre befristet, die Postdocstellen auf 3 Jahre. Die Einreichefrist für die Professuren war der 1. Juli, die für die Postdocstellen der 1. Oktober.

Das alles versprach eine seltene, großartige Gelegenheit zu sein. Bonn gilt traditionell als die stärkste mathematische Fakultät in Deutschland. Zum Beispiel erhielte deren Professor, Prof. Dr. Peter Scholze die Fields-Medaille in diesem Jahr. Dass das Max-Planck-Institut für Mathematik auch in Bonn angesiedelt ist, bereichert selbstverständlich das wissenschaftliche Leben in Mathematik in der Stadt.

Die Forschung in ImmunoSensation fokussiert sich auf das angeborene Immunsystem. In diesem Bereich ist der Cluster der Top Zielort im gesamten Land. Wer die Webseite durchblättert sieht, wieviele Gruppen am Zentrum tätig sind. (Das MPI für Immunologie und Epigenetik ist hier bei uns in Freiburg.)

Wenn zwei solche Schwergewichte Geld in die Hand nehmen, um es in eine zukunftsweisende Forschungsrichtung zu investieren, kann das nur hoch angesehen werden. (Alles, was mathematische Modellierung mit Zellbiologie verknüpft, ist zukunftsweisend.) Es war außergewöhnlich, dass drei Professuren zeitgleich angeboten wurden.

Zu diesem Zeitpunkt suchte ich eine neue Stelle in der Grundlagenforschung. Nach sechs Jahren als Postdoc wünschte ich mir, höher zu steigen, aber ich bewarb mich gleichzeitig auch um weitere Postdocstellen. In diesem Fall bewarb ich mich um beide Ausschreibungen.

Die Ereignisse

Am 28‒29. August 2017 hielten HCM und ImmunoSensation ein Symposium der Biomathematik mit zehn Vortragenden. Es war offensichtlich, dass die Veranstaltung als Vorstellungsgespräche der ausgewählten BewerberInnen für die W2-Professuren geplant war. Erfreulicherweise waren vier der zehn Teilnehmer Frauen.

Es wäre nett gewesen, wenn ich eine Nachricht erhalten hätte, dass ich nicht unter den ausgewählten BewerberInnen war. Aber ich vermute, nur wenige Universitäten haben applicant tracking systems (ATS) eingeführt. So lässt sich solche Kommunikation nur manuell durchführen.

Irgendwann im Januar 2018 erschien eine neue Ausschreibung von drei Postdocstellen am HCM und ImmunoSensation, im Zusammenhang mit der Werbung um die W2-Professuren, mit Abgabefrist am 28. Februar 2018. Der Text war seit der letzten Ausschreibung kaum geändert. Die gleichen Stellen wurden noch mal angeboten. Wahrscheinlich hatte man eingesehen, dass die neuen ProfessorInnen an der Auswahl mit nur zwei Monaten Zeitabstand hätten nicht beteiligt sein können.

Ich erfuhr von dieser Entwicklung nur zufällig und erhielt keine Information, was mit den alten Bewerbungen geschehen ist. Ich ging davon aus, dass man in Bonn vernünftig handeln wird. Sie hatten bereits meine doppelte Bewerbung, inklusive die Postdocstellen. Ich hatte keine neue Bewerbung eingereicht. Außerdem wäre es unangenehm gewesen, meine drei ehemaligen, sehr beschäftigten ProfessorInnen darum zu bitten, ihre Empfehlungsschreiben noch ein drittes Mal nach Bonn zu schicken.

An diesem Freitag, 24. August 2018 traf nun eine Email der Fachgruppe Mathematik bei mir ein, mit einer Absage in Bezug auf die W2-Professur. Sie ist aufregend. Ich zitiere:

Das Rektorat der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn hat den Ruf für eine der insgesamt drei ausgeschriebenen Professuren [jemandem] erteilt; [die Person] hat den Ruf angenommen. […]
Die zwei unbesetzt gebliebenen Professuren werden in absehbarer Zeit neu ausgeschreiben.

Die ernannte Person war eine der Vortragenden am Symposium am 28‒29. August 2017. Ich weiß nicht, wann eine Entscheidung über die Postdocstellen getroffen werden wird.

Warum ist das aufregend?

Wieso kommt es dazu, dass aus zehn sorgfältig ausgewählten BewerberInnen nur eine eine Stelle bekommt? Im Allgemeinen ist es halt so, dass viele Bewerber einen Wechsel gar nicht anstreben. Sie bewerben sich in der Hoffnung, dass sie mit einem Jobangebot von einer anderen Universität ihren jetzigen Arbeitgeber unter Druck setzen können und sich eine unbefristete Stelle oder bessere Bedingungen sichern können.

Das ist ein systematisches Problem. Dass erfolgreiche, fleißige, angesehene Forscher zu solchen schmutzigen Spielen gezwungen werden, hat Auswirkungen für alle andere Teilnehmer.

Die Universität, die die Stellen ausschreibt, will ihren Lehrkörper so schnell wie möglich stärken, wenn die immer knappen Mittel schon bereitstehen. Die Auswahlkommissionen würden lieber vermeiden, einen großen Teil der Dutzende oder über einhundert Bewerbungen durchlesen zu müssen, die bei solch einer Ausschreibung typisch sind. Die BewerberInnen, die nicht zum Vorstellungsgespräch eingeladen werden, wollen, dass ihre Rivalen durch neue Stellen vom Arbeitsmarkt rasch verschwinden.

Die Bewerbungsunterlagen vorzubereiten oder an die Ausschreibung anzupassen beansprucht viel Zeit. In diesem Fall musste jede/r Bewerber/in noch drei Empfehlungsschreiben einholen, die bei 100 BewerberInnen 300 beschäftigte Professoren noch beschäftigter gemacht hätten. Manche Institutionen verlangen Empfehlungsschreiben erst in einer zweiten Runde für eine kleinere Gruppe der BewerberInnen.

Bei so großer Rivalität sehe ich eine Ausschreibung wie ein Los. Der Zeitaufwand der Teilnahme ist ein garantierter Verlust (wie der Preis eines Lottoscheines), der Gewinn hat nur eine niedrige, obwohl kalkulierbare Wahrscheinlichkeit. Aber überlegen wir mal, bei welchem Lottospiel wird nur ein Drittel der versprochenen Gewinnsumme ausgezahlt, und die anderen zwei Drittel erst nach eineinhalb Jahren bei einem anderen Los, wofür man einen neuen Lottoschein besorgen muss?!

Noch ein bisschen mehr zum Hintergrund

Ich habe die Webseiten der zehn BewerberInnen aufgesucht, und es scheint mir nicht so, dass jemand geschafft hätte, eine Professur an der heimischen Universität bekommen zu können. Sie waren ProfessorInnen oder GruppenleiterInnen und blieben sie wie zuvor. Vielleicht werden die Webseiten in der nahen Zukunft noch über Neuigkeiten berichten. Eine Person wechselte, aber blieb weiterhin im Ausland.

Es ist möglich, dass die Auswahlkommission mit dem Niveau der KandidatInnen nicht zufrieden war. Es könnte internen Streit gegeben haben. (Letzten Endes wollen hier zwei Forschungszentren mit unterschiedlichen Kulturen eine gemeinsame Entscheidung fällen.) Jemand hätte von Krankheit befallen sein können. Es ist auch möglich, dass die ausgewählten BewerberInnen sich anders entschlossen haben, z.B. aus persönlichen Gründen wollten sie nicht ihre Wohnorte und befristeten Stellen für eine andere befristete Stelle aufgeben. Es ist möglich, dass manche nur mit der eigenen Universität bessere Bedingungen aushandeln wollten, ohne ein Angebot für eine entfristete Stelle war aber deren Handlungsposition zu schwach. Das alles ist nur meine Spekulation.

Jede Berufungskommission hat eine schwierige Aufgabe, spieltheoretisch betrachtet. Man muss BewerberInnen auswählen, die die Stelle gerne akzeptieren. Eventuell ist es nicht die besten BewerberInnen, die man wählen muss, denn es besteht bei denen die Gefahr, dass sie noch attraktivere Angebote bekommen. Solch eine Kommission besteht aus ProfessorInnen, aus GruppenleiterInnen, die keinen Lehrstuhl innehaben, und aus VertreterInnen der Studentenschaft. Sie sind intelligente Menschen, trotzdem ist das Problem offensichtlich zu schwer.

Die Verlierer

Wie schon geschrieben, jeder hat hier verloren, mit der Ausnahme der berufenen Person. Das Thema der Diversität des Lehrkörpers ist viel größer in den USA als in Deutschland. Hier ist der Schwerpunkt auf der Förderung der Frauen (gegenüber Männern), der auch ein Teil dieses wichtigen Ziels ist. Diejenigen, die es sich nicht leisten können, so lange auf eine Stelle zu warten, werden vom System verloren. Diese Ineffizienz des Arbeitsmarktes stärkt die Chancen der Wohlhabenden gegenüber den Ärmeren.

Klar, wir opfern Effizienz und Agilität der Fairness (der gründlichen Auswertung der BewerberInnen). Aber es ist schon so übertrieben, dass wir auch Fairness für Fairness aufopfern. Es geht hier letztendlich um befristete Stellen!

Die Gewinner

Aus meiner für die Bewerbung durchgeführten Forschung entstand mein Blogbeitrag Non-minimum-phase dynamics in an inflammation model.

Als Kontrast erzähle ich noch eine Geschichte aus der Privatwirtschaft. Als ich meine Bewerbung vorbereitete, las ich die Profile der Mitglieder ImmunoSensations durch. Ein junger Emmy-Noether-Gruppenleiter, Florian Schmidt ist mir wegen seiner Arbeit aufgefallen. Er benutzt Einzeldomänenantikörper („Nanobodies“), die eine Art Antikörper sind, die vom Immunsystem der Kamele wie Alpaka und Lama produziert werden. Sie sind wesentlich kleiner als die herkömmlichen Antikörper. Dadurch können sie auch an versteckte Regionen von Antigenmolekülen anbinden.

Ich fand, dass Nanobody eigentlich eine Schutzmarke des belgischen Unternehmens Ablynx NV ist. Ablynx arbeitete an der Kommerzialisierung dieser am Anfang der 1990er Jahren entdeckten Molekülen. Sie haben kein Produkt auf dem Markt. 2016 machten sie einen Verlust von 72,2 Millionen Euro, hatten aber Kooperationen mit mehreren Pharmagroßunternehmen (AbbVie, Boehringer Ingelheim, Eddingpharm, Merck & Co., Inc., Merck KGaA, Novartis, Novo Nordisk). Man konnte ihre Aktien (Börsenkürzel: ABLX) an der Euronext Brüssel Börse unter 12 € kaufen. Das entsprach einem Marktwert von 717 Mio. Euro.

Wegen der Bestätigung sowohl durch diese Kooperationspartner als auch durch das Emmy-Noether-Stipendium Dr. Schmidts habe ich das Schicksal der Technologie und Ablynx mit Interesse verfolgt. Am 2. Oktober 2017 kündigte Ablynx den erfolgreichen Abschluss der Phase-III-Studie ihres Medikamentenkandidaten caplacizumab für erworbene Thrombotisch-thrombozytopenische Purpura (acquired thrombotic thrombocytopenic purpura, aTTP) an. Die Aktie schoss auf 16 € hoch. Ablynx fing sofort an, Geldmittel auf dem Markt zu beschaffen, und gründete eine Tochterfirma in den USA.

Am 8. Januar 2018 gab Ablynx bekannt, dass es zweimal von Novo Nordisk ein Angebot zur Übernahme bekommen hatte. Am 7. Dezember um 26,75 € je Aktie, am 22. Dezember um 28‒30,5 €. Beide wurden vom Aufsichtsrat abgelehnt. Ihrer Ansicht nach hatten beide Angebote das Unternehmen unterbewertet. Die Aktie sprang von 21 € auf 35 €.

Am 29. Januar berichtete Ablynx, dass es mit Sanofi eine Vereinbarung traf, wobei Sanofi Ablynx für 45 € pro Aktie (insgesamt für 3,9 Mrd. Euro) aufkauft. Die Übernahme wurde bis Juni 2018 abgeschlossen.

Diejenigen, die noch zum Zeitpunkt der Einreichefrist der Stellenausschreibung in Bonn Ablynx-Aktien kauften, hätten einen Gewinn von 275% in 11 Monaten erwirtschaften können. Die Berufungskommission brauchte länger, um 33% ihrer Aufgabe zu erledigen. Das Hochschulwesen steht mit der Privatwirtschaft auf dem Arbeitsmarkt in Wettbewerb. Mehr Effizienz und Vorhersagbarkeit würden ihm gut tun.

Konklusion

Ich weiß nicht, was diesem Fall zugrunde liegt, aber dieses Auswahlverfahren ist richtig schiefgelaufen. Die Berufungskommission, viele BewerberInnen und noch mehr ProfessorInnen mit ihren Empfehlungsschreiben haben an einem gemeinsamen Ziel gearbeitet, aber sie haben es nicht erreicht. Das ist eine riesige Zeitverschwendung.

Wir unterhalten ein System, wo Menschen dazu gezwungen werden, sich um Stellen zu bewerben, nur dafür, dass sie an ihrer derzeitigen Universität eine entfristete Stelle bekommen können. Ich hob den Verlust der von aufstrebenden Milieus stammenden WissenschaftlerInnen hervor als negative Nebenwirkung dieses Systems.

Die Sprache einer früheren Version wurde von einem anonymen Kollegen korrigiert.

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